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«Ein weisses Zimmer mit einer Wand als Farbtupfer wirkt hilflos»

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Im Interview erzählt die Innenarchitektin Mierta Lazzarini, wovon sie sich bei der Farbwahl leiten lässt und was das Engadiner Licht damit zu tun hat.

 

Frau Lazzarini, Sie sind Innenarchitektin, Ihr Mann ist Architekt. Sie arbeiten seit 35 Jahren zusammen. Bestimmt das Innere das Äussere oder umgekehrt?
In der Regel komme ich erst gegen Ende der Planungsphase dazu. Mir ist wichtig, zu verstehen, was mein Mann mit seinem Projekt aussagen will. Daran orientiere ich das Farbkonzept und die Beleuchtung. Bei unserem aktuellen Umbauprojekt in Uitikon-Waldegg wähle ich sogar die Vorhänge und teilweise die Möbel aus. Das Paar lebte schon vorher in dem Haus und hatte sich an bestimmte Dinge gewöhnt. Die Bilder zum Beispiel mussten ihren Platz behalten. Meine Aufgabe ist hier, sie besser zu präsentieren. Dafür kontrastiere ich sie mit der Wandfarbe. Umgekehrt lasse ich manche Möbel ‹verschwinden›, indem ich die Wand in der Farbe des Möbels streichen lasse. In diesem Haus soll alles zusammenpassen. Es soll eine Art ‹Identikit› erhalten, ein visuelles Erscheinungsbild.

Verwenden Sie in Ihrer Arbeit genormte Farbskalen, wie beispielsweise die Polychromie Architecturale von Le Corbusier?
Mir gefallen die Farben, die Le Corbusier für seine Farbskalen ausgewählt hat. Ich habe sie auch schon verwendet. Le Corbusier betrieb einen grossen Aufwand, um seine Paletten und die dazugehörige Arbeitshilfe zusammenzustellen. Er wollte, dass die Menschen mit dem ‹Le Corbusier-Stil› leben.

Le Corbusier spricht davon, dass Farbe eng mit dem Wesen verbunden, also subjektiv, ist.
Ob zwei Farben zusammenpassen, ist eine reine Gefühlssache. Wie die Musik berühren auch Farben die Seele. Man kann vom eigenen Wohlgefühl ausgehen. Architekten wissen teilweise gar nicht, wie sie mit Farben umgehen sollen. Deshalb sind sie oft schwarz angezogen. Sie wollen nichts falsch machen. Auch Le Corbusier argumentiert seine Farbwahl nicht. Ich persönlich arbeite mittlerweile lieber mit weniger eingeschränkten Paletten und habe meine eigenen Kriterien zur Farbwahl entwickelt.

Woran orientieren Sie sich bei der Farbwahl?
Ich muss auf sehr viele Kleinigkeiten achten. Das fängt beim Material an. Ist es Holz oder Verputz? Ist der Verputz grob oder fein? Grober Putz gibt sehr viel Schatten. Zudem sieht die Farbe an jeder Wand anders aus, weil das Licht unterschiedlich einfällt. Darum wähle ich für die Decke immer eine hellere Farbe als für die Wände. Ein Fensterrahmen wirkt unabhängig vom Helligkeitswert automatisch dunkel, weil er Gegenlicht hat. Aber es gibt etwas, das ich vehement ablehne: ein komplett weisses Zimmer mit einer Wand als Farbtupfer. Das wirkt hilflos.

Die Umgebung strahlt auf die Fassadengestaltung aus: Personalhaus in Samedan

 

Wie wirkt sich die innere Farbwelt nach aussen aus?
Für mich sind Fenster das ‹Gesicht› des Hauses. Von aussen wirken sie immer dunkel. Aber was passiert mit dem Haus, wenn bei einem Fenster der Rollladen geschlossen ist? Das Fenster muss mit den anderen Fenstern weiterhin eine Einheit bilden. Sonst sieht es aus, als würde das Haus schielen. Helle Rollläden sind wie Fremdkörper. Für das aktuelle Umbauprojekt wählte ich deshalb Vorhänge aus, die gefüttert sind. Die Vorhangseite Richtung Fenster ist dunkel, damit beim Zuziehen die Aussenwirkung des Hauses nicht gestört wird.

Im Personalhaus Samedan dienen farbige Fensteröffnungen als Farbleitsystem.

 

Sie wohnen und arbeiten in Samedan. Das Engadin ist bekannt für sein besonderes Licht. Wie gehen Sie bei der Raumplanung darauf ein?
Mein Mann baut das Haus mit dem Licht. Er beobachtet, wo die Sonne auf- und untergeht. Wir wollen immer Licht ins Haus lassen. Aber wir wollen nicht, dass es blendet. Uns gefällt die skandinavische Art, mit Licht umzugehen. Sie bringen Wärme ins Haus. Das tun auch wir, indem wir das kalte Schneelicht mit einer warmen Wand abpuffern. Wir hatten aber auch schon eine Bauherrin, die wollte ein Schlafzimmer ganz ohne Fenster, wie ein Fuchsbau. Wir entsprachen ihrem Wunsch.

Das Personalhaus in Samedan, das Sie 2008 fertiggestellt haben, ist ein interessantes Projekt hinsichtlich des Umgangs mit Farbe.
Die Aussenwand wird von einem Sgraffito mit verschiedenen Verputzdicken geschmückt. Abgebildet ist die Berglandschaft, nur spiegelverkehrt. Dafür arbeiteten wir mit dem Künstler Gregori Bezzola zusammen, der diese traditionelle regionale Technik anwendet. Für die Innengestaltung war zentral, die Leute in ihre Wohnungen zu lotsen. Das Treppenhaus ist sehr verwinkelt. Ich entwickelte eine Art Begleitsystem mit farbigen Fensternischen, die sich vom roten Bereich bis ins Grüne emporschwingen. Wenn die Sonne hereinscheint, wirkt das sehr lebendig. Im alten Personalhaus gibt es auch ein Leitsystem. Es ist am Boden angebracht und ähnelt der Signaletik eines Spitals. Das wollten wir verhindern.

 

Experiment an der Fassade: Überbauung Giardin

 

Die Wohnüberbauung Giardin in Samedan hat eine Auszeichnung für Farbe, Struktur und Oberfläche gewonnen. Wie war hier das Zusammenspiel von Architektur und Innenarchitektur?
Die Wohnräume sind sehr einfach gestaltet, weil die Bauherrschaft das so wollte. Aber aussen wenden wir ein interessantes System an, das in den 1930er-Jahren entwickelt wurde. Die Stampfbetonkonstruktion hängt an der Fassade und ist reine Dekoration. Wir mussten die Belastbarkeit über die Empa prüfen lassen. In manchen Monaten gibt es bis zu 60 Grad Temperaturunterschied an einem Tag. Tagsüber scheint die Sonne auf die dunkle Fassade, und am Abend friert es. Wir fertigten sehr, sehr viele Muster an. Die Umsetzung war eine grosse Herausforderung für alle Beteiligten. Wir mischten die Rezeptur für die Farben direkt vor Ort: braune oder gelbe Pigmente, etwas Rotanteil. Wir wollten ein warmes Dunkelbraun und Sandgelb, auf keinen Fall Grau. Mit jeder neuen Betonlieferung wurden wir nervös. Die Maurer hatten nicht so richtig verstanden, was wir uns vorstellten. Wir wollten wellenförmige Bänder, und sie fingen an, Meereswellen wie aus dem Kinderbuch zu gestalten. Zum Glück starteten wir mit der Rückwand. Sie mussten sich erst von ihrer Vorstellung lösen. Jetzt sieht jede Wand anders aus.

 

Regazzi ist ein Lizenznehmer von Les Couleurs® Le Corbusier®. Les Couleurs AG ist der weltweit exklusive Lizenzgeber der Polychromie Architecturale – gewährt durch die Fondation Le Corbusier®. Les Couleurs® Le Corbusier® ist eine registrierte Marke der Les Couleurs Suisse AG.

Zur Person

Mierta Lazzarini-Kaiser ist dipl. Innenarchitektin IED. 1964 in Zuoz geboren war sie zuerst als Werbeassistentin und Schmuckdesignerin tätig. Nach einem Studium der Innenarchitektur in Mailand gründete sie 1998 gemeinsam mit ihrem Mann Kurt Lazzarini ein Architekturbüro in Samedan.

lazzarinis.com